Die Chance, sich den Traum vom Skifahren am Meer zu erfüllen, liegt näher als man denkt. Dazu muss man nicht unbedingt auf Hawaiis Mauna Kea klettern, sich auf nordamerikanischen Eisriesen mit Aussicht auf den Golf von Alaska halbtot frieren oder grönländische Inuit nach den besten Runs in ihren Küstenbergen fragen. Ein Billigflieger-Ticket nach Norwegen ist die beste Eintrittskarte für mehr Meer als man es sich beim Freeriden je hätte vorstellen können.
Skiing in Norway rules! Dort heißt der King nicht nur Kong, sondern das Königreich von Staatsoberhaupt Harald dem Fünften dehnt sich vom Skagerrak über das Nordmeer bis hoch in die Barentsee auf einer Länge von fast 3.000 Kilometern aus.
Würde man die komplette Küstenlinie mit all den tief eingeschnittenen Fjorden, Buchten und 150.000 vorgelagerten Inseln auseinanderziehen und zusammenaddieren, käme man auf unfassbare 83.000 Kilometer. Noch dazu besteht das Land im hohen Norden besonders an den westlichen und nördlichen Küstenstreifen komplett aus Gebirgszügen. 26 Gipfel des Landes liegen über 2.300 Meter.
Ein ganz besonderer Blick auf einige der Bergketten, die direkt aus dem Ozean wachsen, eröffnet sich vom Deck eines Schiffes – beispielsweise bei einer Minikreuzfahrt mit den Stahlriesen der Hurtigruten, die nicht nur Post- und Transportzwecken dienen, sondern zugleich auch Touristenattraktionen sind.
Unmissverständlich klar ist natürlich, dass uns Freerider hier in Nordnorwegen eine andere Perspektive interessiert als die des Ausflugstouristen. Unsere Blickrichtung wandert bevorzugt von der Spitze eines hohen, verschneiten Berggipfels direkt auf’s Nordmeer.
Staubt dann bei der anschließenden Abfahrt noch der Powder unter den Planken und die Aneinanderreihung von Turns scheint irgendwann unwiederbringlich im Salzwasser zu enden, dann sind das maritime Skiabenteuer, die man sich mit etwas Anstrengung, Ski-Touring-Equipment und einem gewissen Blick für Aufstiege und Abfahrten kaum sonst wo in der Welt erfüllen kann.
Auf den Lofoten, die 100 bis 300 Kilometer nördlich des Polarkreises liegen, gibt es die totale Rundumsicht aufs Meer. Die Vorzüge dieser Inselgruppe und ihrer sieben Haupt-Archipele haben wir ja in unseren vorherigen Berichten schon überschwänglich gepriesen. Alpenähnliche Berg-Kulissen, unzählige steile Gipfel bis 1.000 Meter Höhe,
Sandstrände, Felsküsten, malerische Fischerdörfer, spektakuläre Fjorde und Farbschattierungen des Meeres, die von smaragdgrün bis eisblau reichen. Nicht ohne Grund hat die Zeitschrift „National Geographic Traveller“ die Lofoten zu einer der drei schönsten Insel-Ketten der Welt ernannt.
Die erste Woche unserer Norwegen-Reise auf diesen Trauminseln in der arktischen See gleitet an uns vorbei wie die Blauwale draußen vor den Vesteralen. Wir erkunden und erklimmen etliche der tief verschneiten Gipfel, stoppen an jeder Ecke, um uns von der extrem kontrastreichen Landschaft faszinieren zu lassen und können kaum glauben, dass Norwegens Norden noch weitere Highlights für uns parat hat, die mit den Eindrücken hier auf den Lofoten konkurrieren können.
Aber es ist Zeit für einen Ortswechsel. Um 03.00 Uhr nachts starten wir von Svolvaer Richtung Tromsö. Kilian hat berufliche Verpflichtungen und muss – wie zuvor geplant – den Flieger um 10.00 Uhr zurück in die Heimat nehmen. Um 03.55 Uhr geht die Sonne bereits sanft hinterm Horizont auf. Die Müdigkeit ist wie hinweggefegt und wir schlängeln uns mit unserem Volkswagen Passat fast 500 Kilometer über einsame Landstraßen durch weiße Berg- und Fjord-Landschaften.
Wir sehen noch die Kondensstreifen der Boeing von Norwegian Airlines, in der Kilian sicherlich gerade vor sich hindöst, am Horizont verdunsten und stehen selbst schon wieder am Ufer eines tiefblauen Fjords auf einer der Schäreninseln, die Tromsö umgeben. Zu diesem Eiland namens Ringvassoya, muss man ab dem
Airport nur über eine Brücke, die eine Meereszunge überspannt, danach durch einen unterseeischen Tunnel und taucht dann wieder vor einer Parade interessanter Berge auf. Jene sind hier in Nordnorwegen einfach überall und umgeben auch Tromsö wie ein gewaltiger Spielplatz für Freerider. Nach der fast durchwachten Nacht entscheiden wir uns für eine Genusstour auf den 674 Meter hohen Kraktinden. Strahlendblauer Himmel und tiefdunkler Ozean – wir nutzen die Zeit für viele Foto- und Filmshots und merken dabei gar nicht, dass der Zeiger der Uhr schon wieder etliche Umdrehungen hinter sich hat. Das goldene Licht suggeriert Nachmittag, dabei ist es schon früh am Abend.

Die 80 mal 20 km große Halbinsel der Lyngenalps gehört zu den beeindruckensten Gebirgszügen Skandinviens
Um 21 Uhr geht die letzte Fähre zu unserem neuen Reiseziel: der imposanten Lyngen-Halbinsel. Von unserem heutigen Gipfel konnten wir den in etwa 40 Kilometer Entfernung aufragenden Gebirgszug der Lyngenalps schon erkennen. Warum diese Berge in der norwegischen Sprache den Zusatz „Alps“ erhalten haben, wird sofort klar, nachdem wir in der eisigen Abendluft auf der Autofähre von Breivikeidet nach Svensby die ersten direkten Blicke auf die Lyngen-Kette werfen können.
„Es ist so, als hätte man die besten Teile der Alpen abgeschnitten – nämlich die steilen und schroffen Flanken oberhalb von 2.000 Meter – um sie hier, 400 Kilometer oberhalb vom Polarkreis, in den Ozean zu setzen“, erklärt uns unser Vermieter Patrik Jonsson, und fügt gleich noch ein bisschen mehr Alps-Kunde hinzu: „Hier auf der 20 mal 80 Kilometer großen Lyngen-Insel gibt es 127 Gipfel mit einer Höhe von über 1.000 Meter. Viele davon ragen sogar bis zu 1.500 Meter auf, der Höchste ist der Jiekkevárri mit stattlichen 1.833 Metern.“
Der Schwede Patrik und seine finnische Freundin Henrika sind seit über zehn Jahren voll „in love with Lyngen“. Sie betreiben die Magic Mountain Lodge in Lyngseidet – das „place to be“ für Freerider und Tourengeher hier im wohl gewaltigsten Gebirge Skandinaviens. Die Beiden haben lange in den Alpen gelebt, waren zwei Jahre mit dem Fahrrad bis Beijing unterwegs und haben die Lyngen-Alps 1999 zum ersten Mal besucht. Es hat ihnen so gut gefallen, dass sie keinen Moment zögerten, als sie 2010 die Chance erhielten, ein schönes Haus mit Blick auf den Lyngenfjord zu erwerben und daraus die perfekte Homebase für sich und Ski-Verrückte aus aller Welt zu machen.
Die meisten Gipfel hat Patrick schon selbst erkundet. Zum Beispiel den südlichen Teil der Halbinsel – mit Tourenski, Zelt und Schlafsack in drei Tagen. „Das ist in etwa so wie die Haute Route in den Alpen, aber mit mehr Anstiegen und Abfahrten, und natürlich total einsam“, erzählt er. „Jetzt reizt mich noch die Durchquerung des nördlichen Teils. Die Schneebedingungen sind zur Zeit ideal, aber die Arbeit hier in der Magic Mountain Lodge lässt mir im Moment keine Zeit für Bergabenteuer“, sagt Patrik ziemlich wehmütig.
Die Zeit, die ihm fehlt, haben wir. Wir schlafen wie die Murmeltiere und nehmen uns am nächsten Tag erstmal einen der Hausberge vor. Oben angekommen zeigt der Höhenmesser erstaunliche 1.300 Meter. Dafür gibt’s als Belohnung Osthang-Powder auf der Gipfelflanke. Überflüssig zu erwähnen: Unverspurt natürlich.
Aber wer sollte einem hier auch die Lines streitig machen, bei gerade mal ein paar Dutzend Freeridern und Tourengehern, die sich zeitgleich mit uns in den Hunderten von Gipfeln, Graten und Hängen der Lyngen-Insel verlieren? Heli-Skiing ist – wie im restlichen Norwegen auch – verboten, also muss man kein Geknatter, Kerosin-Gestank und Tiefschnee-Crews mit dicken Portemonnaies befürchten, die ohne Schweiß den Powder-Preis einheimsen und uns Skitouring-Protagonisten die Hänge mit Zöpfchen zerhacken.
Schnell fallen auch wir in love with Lyngen. Hier ist alles relaxed. Konkurrenz gibt’s nicht. Außer jener Hand voll Freeridern, die sich für dieselben fetten Hänge interessieren wie wir.
Auf der abendlichen Anreise zur Lyngen-Lodge stach uns blitzartig ein riesiges Couloir ins Auge, das wir direkt am nächsten Nachmittag noch mal genauer unter die Lupe nehmen. Es liegt im Dauerschatten, also voll nach Norden ausgerichtet, zwischen den beiden Gipfeln des etwa 1.500 Meter hohen Rodberg- und Forholttinden. Steil und lang sind sowohl die Abfahrt als auch ein möglicher Aufstiegsweg. Jener lässt sich durch die abgeschiedene Lage nur direkt auf der Route bewältigen, die man auch abfahren will. Ist ja nicht das Schlechteste, so kann man die Schneebeschaffenheit checken und weiß beim Aufstieg gleich wo kritische Stellen lauern.
Aber so toll das Couloir auch ist und so sehr wir uns die mögliche Befahrung schon ausmalen, das Ding hat einen gewaltigen Haken: Zwischen uns und ihm liegt ein breiter Fjord. Schwimmflügel und ein Aufblas-Gummiboot aus dem Insel-Baumarkt helfen da nicht weiter, wir brauchen ein richtiges Boot mit fetter Motorisierung. Woher nehmen? Schließlich ist die Gegend hier auf unserer Fjord-Seite genau so abgeschieden wie die Bergflanke gegenüber, in der das Couloir-Ziel unserer Träume liegt.
Doch Moment mal, dort unten am Fjord steht doch tatsächlich ein einsames weißes Häuschen in typisch norwegischer Holzbauweise! Das gemütliche Heim von Familie Rognli, die hier seit Generationen Lämmer züchtet. Wir klingeln an, und haben Glück. Vater Alf Rognli ist nicht nur Fleischesser, er sorgt auch dafür, dass ab und an Fisch auf dem Speiseplan steht. Und genau deshalb hat er ein Boot in der Garage. Wir packen die Gelegenheit beim Schopf und verabreden uns direkt für den nächsten Tag zur Überfahrt. Als guter Christ muss unser Fährmann morgen um 11.00 Uhr noch in die Kirche, aber um 13.00 Uhr wird er den Außenborder anschmeißen, um uns und unser Ski-Equipment übers Wasser zu bringen. Cool. Couloir – wir kommen!
Zurück in der Magic Mountain Lodge freuen wir uns bei Heilbutt-Steak und Heineken über unsere gelungene Projekt-Planung. Dass mir der Fisch im Hals stecken bleibt, liegt aber nicht an einer Gräte, sondern an den Wortfetzen „Filmteam“ und „big Couloir“, die ich aus dem Hintergrund aufschnappe. „Now we have a problem!“, sagt Lodge-Besitzer Patrik als Akki ihm unsere topografische Karte zeigt, auf der

... also bilden wir ein Vierer-Team und gehen den Aufstieg gemeinsam an. Für die Abfahrt gilt: Ladies first!
wir die Aufstiegsroute zu „unserem“ Couloir bereits eingezeichnet haben. Apropos „Freeride-Konkurrenz-gibt’s-hier-nicht“: Keine Geringeren als die zweifache Freeride-Worldtour-Gewinnerin Ane Enderud, der amerikanische Filmemacher und TGR-Kameramann Matt „Moo“ Herriger sowie der Chaoz-Production-CEO Eivind Aurstad sitzen am Nachbartisch und haben sich für morgen das gleich Ziel ausgesucht wie wir: „The big Lyngen-Couloir.“

Alle in einem Boot. V.l.n.r.: Matt Herriger (Filmemacher und TGR-Urgestein), Akki Bruchhausen (Kölner) und Ane Enderud (norwegische Freeride-Weltmeisterin)
Die Geschichte ist schnell zu Ende erzählt. Wir trinken gemeinsam einige Lodge-Biere, Matty lacht sich tot über unsere Nicknames „Akki und Digger“, die er mit amerikanischem Akzent einfach ultracool und in der untersten Oktave immer wieder vor sich hin brummt, und letztlich beschließen wir, ein Vierer-Team zu bilden, das gemeinsam den steilen und fast fünf Stunden dauernden Aufstieg bewältigt. Natürlich gilt “Ladies first” und wir erklären uns selbstverständlich einverstanden, der Freeride-Weltmeisterin den Vortritt bei der Abfahrt zu lassen, damit der auf der anderen Fjord-Seite positionierte Filmer Eivind Aurstad den spektakulären Run durch seine Monster-Teleobjektive einfangen kann.
Trotz allen Spektakels spielt die eigentliche Hauptrolle am nächsten Tag aber Schaffarmer Rognli. Nachdem Ane Enderud und ihr Team am frühen Morgen eine krankheitsbedingte Absage von ihrem Kajakvermieter hinnehmen müssen, mit dessen Booten sie eigentlich über den Fjord paddeln wollen, stehen sie letztlich gemeinsam mit uns vor der
Haustür von Vater Rognli. Der ist einigermaßen erstaunt als er nicht nur uns deutsche Exoten, sondern auch die norwegische Freeride- sowie die US-Film-Prominenz vor sich sieht. Ane erklärt mit viel Charme das Zustandekommen unserer Multi-Kulti-Ski-Truppe und letztlich sitzen wir eine Viertelstunde später alle im selben Boot.
Genau das ist Freeride. That’s the sense of the game.
Ach ja, der folgende Couloir-Aufstieg im knietiefen Schnee ist mühsam, aber die Abfahrt wahrlich fett. Zum Glück holt Vater Rognli uns erschöpfte Rider rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit wieder mit seiner Knatterkiste ab und verschifft uns über’n Fjord zurück in die Zivilisation. Beim gemeinsamen Feierabend-Bier lassen wir den Tag revue passieren und können nur wiederholen: Wir sind in love – with Lyngen!
Tja Leute, das war’s mit unserem norwegischen Ski-Abenteuer. Es beweist mal wieder, dass die besten Ereignisse im Leben sich nicht planen lassen, man muss einfach in den Strom eintauchen und sich treiben lassen. Macht es euch auch zur Maxime! Leben ist Abenteuer. Es endet nie. Und ihr seid nur einmal auf diesem Planeten, der eine unglaubliche Zufallslaune des Universums ist. Enjoy life!
Wir WhiteHearts machen jetzt erstmal Sommerpause und gehen biken, surfen, kiten, wandern, joggen, Fußballspielen und natürlich auch ein wenig arbeiten.
Tausend Dank, dass ihr uns so großartig unterstützt habt! Lasst euch überraschen, vielleicht haben wir ja auch im Sommer noch die ein oder andere Film-technische Überraschung für euch parat. Und eigentlich könnten wir ja auch mal gemeinsam ne fette Party feiern …
That’s it. Der Sommer kann kommen!
Gebt Likes if you like und bleibt uns weiterhin treu!
Eure WhiteHearts
„Ich hoffe, weiterhin fähig zu bleiben, immer wieder neue Träume zu finden.“
(Reinhold Messner)





















































