Hoher Cut – Lawinenfilm-Making of auf 3.000 Meter Höhe

Lawinen sind ja ein Thema, das die WhiteHearts tunlichst vermeiden – genauso wie den Einstieg ins seriöse Filmgeschäft. Dass uns jetzt Beides zur gleichen Zeit widerfährt, hätten wir uns auch nicht träumen lassen. Aus Trash wird Ernst und aus Schneebrettern unser täglich Brot, denn wir sind nicht im Urlaub auf dem Berg, sondern in Mission Lawinen-Lehrfilmprojekt. Initiator dieser Bewegtbild-Tutorials ist Ortovox, der auf Safety-Equipment spezialisierte Hersteller aus Taufkirchen. Die Crew um Marketing-Chef Hendrik Reschke hat einiges an Budget locker gemacht, zu dem honoren Zweck, Freeride- und Gefahren-Wissen an die Community weiterzugeben. Diverse Kurzfilmchen zu Themen wie „Tourenvorbereitung“, „Verhalten im Hang“, „Wetter und Alarmzeichen“ oder „Suche von Verschütteten“ werden schon ab der nächsten Saison in einem speziellen Internetportal im Web zu finden sein.

Ein verdammt hohes Hotel - die Diavolezza-Hütte auf fast 3.000 Meter Höhe

Ein verdammt hohes Hotel – die Diavolezza-Hütte auf fast 3.000 Meter Höhe

Aber die Zeit für die Produktion der Clips drängte, denn der Schnee schmolz dahin wie Schweizer Schokolade in der warmen Frühjahrssonne. Sozusagen auf den letzten Drücker und auf Abschiedstour dieses zugegebenermaßen grandiosen Winters sollte das Projekt in den verbliebenen Aprilwochen durchgezogen werden. Erst glaubten wir an einen Aprilscherz, aber die unglaublich üppige Excel-Tabelle und die daumendicken Drehbücher, die aus dem Ortovox-Marketing in unser E-Mail-Postfach flatterten, überzeugten uns vom Nachdruck, mit dem die Sache vorangetrieben werden sollte. Diesmal würden Kilian und ich also nicht die totale künstlerische Freiheit mit unseren Kameras und beim Cut haben, sondern nach Drehbuch arbeiten. Kein Problem, für neue Ortovox-LVS-Geräte, -Rucksäcke und coole Gore-Tex-Klamotten aus der in der kommenden Wintersaison erscheinenden High-end-Bekleidungslinie tun wir alles. „It’s a dirty job but someone’s gotta do it“, dachten wir uns also in bester Kopfgeldjäger-Marnier und würden mit unseren Spiegelreflex-Waffen auf die Jagd nach Schneebrettern, Verschütteten-Szenen und Rettungsszenarios gehen.

Bildstarke Kulisse vor der Haustür - der Piz Palü im Abendlicht

Bildstarke Kulisse vor der Haustür – der Piz Palü im Abendlicht

Viel schwerwiegender erschien uns allerdings die Tatsache, dass unser Lawinenfilm-Hauptdarsteller Zicken machen könnte. Denn die tragende Rolle hatte nun mal der Schnee. Auf braunen Wiesen, in staubigen Geröllhängen und inmitten grüner Wälder ließen sich glaubwürdige Lawinenfilmchen nur schwer auf unsere Speicherkarten bannen. „Himmelfahrtskommando oder Traumprojekt?“ – noch während wir zweifelten, verkündete uns Chef-Organisator und Vor-Ort-Regisseur Hendrik Reschke per Telefon die frohe Botschaft: „Jungs, in drei Tagen geht’s los, ein Temperatursturz und fette Schneefälle kündigen sich in den Südalpen an und ich habe uns auf der 3.000 Meter hohen Diavolezza-Hütte im gleichnamigen Skigebiet in der Nähe von St. Moritz eingebucht!“

 

Bingo! Mit unseren rudimentären Italienisch-Kenntnissen kamen wir schnell auf den Trichter, dass mit „Diavolezza“ irgendetwas „teuflisches“ gemeint war. Höllisch war auf jeden Fall unsere Anreise, die von Bregenz bis zum Diavolezza-Gondelparkplatz über tief verschneite Straßen führte. Wir konnten wirklich kaum glauben, dass der Winter Ende April ein derart furioses Comeback gegeben hatte. Übermüdet und mit dickem Brummschädel fanden wir uns am frühen Samstagmorgen im urigen Gipfelhaus wieder. Die Rundum-Blicke auf die tief verschneiten Gletscherberge des Engadin waren überwältigend und rüttelten uns wach. Wir hatten den Topspot gefunden, um unsere geplanten Filmaufnahmen tatsächlich im frischen Powder zu verwirklichen.

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Irgendwo läuft immer noch ‘ne Gondel

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Genauso wie die meisten regulären Skigebiete in den Alpen haben nach Ostern auch die meisten Skifahrer mit dem Winter abgeschlossen. Aber die Launen des Powdergotts sind unergründlich. Wir wissen ja alle nur zu gut, wie wenig der Aggregatszustand Schnee planbar ist. Geplant war bei unserer WhiteHearts-Crew zum chilligen Saisonabschluss jedenfalls ein Trip auf die nordnorwegischen Lofoten. Am 18. April sollte es losgehen, am 30. April wollten wir wieder zu Hause sein. Gebucht und bezahlt hatten wir den Flieger bei Norwegian Airlines auch schon, aber unsere Planung wurde von einem gigantischen atlantischen Tiefausläufer und einer polaren Warmfront zunichte gemacht. Es regnete in Strömen auf den Trauminseln des Nordens. Der Schnee schmolz dahin wie unsere Touren- und Freerideträume mit Blick aufs Polarmeer. Nur zum Dorsch angeln und Fjord-Cruising dort hochzufliegen, erschien uns etwas langweilig. Doch – wie sie oft im Leben – ist die eine Option dahin, eröffnet sich meist wie aus heiterem Himmel eine Alternative.

Der Winter 2012/13 hatte so einige Überraschungen parat. Der Schnee kam früh ... und spät

Der Winter 2012/13 hatte so einige Überraschungen parat. Der Schnee kam früh … und spät

Jene hatte auch einen Namen: Hendrik Reschke, Marketing-Chef vom Freeride-Safety-Hersteller Ortovox war schon seit einiger Zeit Fan unserer WhiteHearts-Filmchen und wollte uns gern in ein neues Lawinenfilm-Projekt integrieren. Selbst die urbayrischen Vorbehalte gegen Ruhrpott-Deutsche wie uns, die in unverständlichem Hochdeutsch daherlabern, hielten ihn nicht davon ab, uns mehrmals zu fragen, ob wir uns nicht für die Umsetzung von verschiedenen Avalanche-Tutorials begeistern könnten. Bisher waren wir zögerlich gewesen mit einer Zusage. Nicht weil wir Angst hatten, verschüttet zu werden, sondern weil der definitive Startschuss für dieses interessante Projekt erst im Spätwinter erfolgen konnte. Genauer gesagt Anfang April.

Beim Making of der Ortovox-Filme

Beim Making of der Ortovox-Filme

Keine Frage, für Lawinenfilme muss man Opfer bringen, aber lebensnotwendig wichtig für eine authentische Umsetzung ist natürlich eine ausreichende Menge weißer Flocken, die sich möglichst meterweise und bei eisigen Temperaturen auf den Alpenhängen stapeln. Powder kann man eben nicht animieren, wie die Hollywood-Techniker Fantasy-Wesen oder Herr-der-Ringe-Landschaften auf der Kinoleinwand. Aber Hendrik blieb hartnäckig. Seine besten Argumente fielen dann einfach vom Himmel: Ein unerwarteter Temperatursturz und heftige Niederschläge, die die Alpen in der Phase vom 18. bis zum 20. April mit voller Wucht trafen und zwischen 80 bis 100 cm Neuschnee in vielen Gebieten der Schweiz hinterließen.

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