Schwefeldämpfe und Schneekristalle

Cooles Leben hier – auch ohne Powder. Wir sind zur Pressekonferenz in der Stadtbibliothek von Villarrica eingeladen und geben Statements zu Leistungen, die wir gar nicht erbracht haben.


Nix geleistet und trotzdem ein Local Hero ...

Auch wenn das Husky-Highlight unserer Tour ins Wasser fiel, fragen uns die lokalen Medienvertreter von vorne bis hinten aus. Am nächsten Tag gibt es sogar Berichte in den regionalen Zeitungen, die von uns, von Vulkanen, Hundeschlitten und Ski-Abfahrten im Powder handeln. Es scheint einfach zu sein, in Patagonien zum Vorstadt-Star zu avancieren. Wir genießen den minutenlangen Hauch von Ruhm.

Tja, aber auch wenn wir uns über den Abwechslungsreichtum unseres Schnee-Alternativprogramms hier in der Provinz Araucania nicht beklagen können, brodelt es in uns wie im Inneren der Vulkane, die wir eigentlich besteigen und abfahren wollen.

Entspannung in Konrads Cabana am Kaminfeuer

Vorm Kamin unserer Cabana ist es zwar so gemütlich, dass man hier für den Rest seines Lebens mit einem Glas Rotwein in der Hand in die Glut starren könnte, aber ein Blick in den Gipfelkrater des Villarrica wäre doch die Art von Aussicht, die uns mehr reizen würde. Kurios, dabei liegt der Gipfel unseres Vergnügens nur ein paar Kilometer Luftlinie entfernt. Gezeigt hat er sich uns bisher allerdings noch nicht.

Erschwert wird unser Wettermartyrium zusätzlich noch dadurch, dass jeder Einheimische, dem wir hier begegnen, davon schwärmt, wie faszinierend der 2.840 Meter hohe Villarrica ist. Mit seiner perfekten Kegelform, den Araukarien- und Südbuchen-Wäldern an seinen Ausläufern, den verschneiten und vergletscherten Flanken und der permanenten Rauchfahne über seinem Gipfel ist er sozusagen der Prototyp eines Vulkans. Verdammt aktiv und verdammt beeindruckend.

Das Objekt unserer Begierde raucht wie ein Schlot

Wir geben schon fast die Hoffnung auf, dass wir diesen weißen, brodelnden Berg, der den Mapuchi-Indianern heilig ist, überhaupt noch mal erblicken. Sollte dort oben wirklich ihr Gott wohnen, dann hat er zurzeit ziemlich schlechte Laune und verbirgt sein Antlitz konsequent vor unseren neugierigen Blicken.

Hier qualmt der Wald

Aber gegen die Kraft der Passatwinde und die Dynamik der pazifischen Frontensysteme hat auch der kultische Gipfel-König der Ureinwohner irgendwann keine Chance mehr zum Schmollen. Letztlich muss er sich dann dem Internet-Wetterbericht aus dem Cafe Edelweiß geschlagen geben. Dort ersurfen wir ein Sonnenloch, das auf Villarrica zusteuert und mindestens anderthalb Tage lang anhalten soll.

Wir sind heiß auf unsere lang ersehnte Auftstiegs-Chance, machen am Vorabend unserer Equipment gewissenhaft startklar, genießen ein Abendessen mit viel Kohlehydraten und trinken ausnahmsweise mal nur zwei Flaschen Rotwein als angemessene Einschlafhilfe. Prost und Gute Nacht! Beim letzten nächtlichen Blick aus dem Fenster funkeln dann nicht nur unzählige Sterne am südlichen Firmament, sondern auch der Vollmond strahlt hell. Traumhaft, mit solch verlockenden Aussichten lässt sich gut Schlummern.

Eisige Lifte - schon lange außer Betrieb

Nach dem Erwachen am nächsten Morgen benötigt die aufsteigende Sonne zwar noch eine Weile, bis sie die über dem feuchten Land liegenden Nebelschwaden in Luft auflöst, aber wir vertrauen dem Wetterbericht und fahren zuversichtlich in Richtung Pucon. Dann thront er endlich vor uns – der weiße Kegel des Villarrica. Auch Hans Saler, den alten Nanga-Parbat-Veteran, haben wir inzwischen in den Amarok eingeladen und lassen uns von ihm die besten Foto-Stops auf der mit Lava-Schotter geplätteten Vulkan-Zufahrtsstraße zeigen.

Der blaue Kilian ist heiß wie ein Vulkan

Sieht ganz schön hoch aus der Gipfel, aber der Ort Villarrica liegt ja auch gerade mal auf 300 Meter Meereshöhe und der Parkplatz, an dem wir die Felle auf die Ski ziehen und unseren Anmarsch starten, befindet sich auf etwa 1.400 Meter. Eine lange Latscherei liegt vor uns, aber wir haben Zeit. Gegen 13.00 Uhr brechen wir auf. So müsste es eigentlich ganz gut passen, dass wir ausreichend Zeit am Gipfelkrater verbringen und die Abfahrt über die Vulkan-Flanken im goldenen Licht der winterlichen Abenddämmerung antreten können.

Im unteren Bereich des Vulkans gibt es ein spärliches Skigebiet mit zwei kurzen Liftanlagen. Hier tummeln sich an diesem Sonntag viele chilenische Skikünstler aus der umliegenden Gegend.

Blick vom Villarrica-Gipfel zum gegenüberliegenden 3.700 Meter hohen Vulkan Lanin

Da ist uns der Anblick des knorrigen Südbuchen-Walds schon lieber und wir stapfen durch den Schnee bis das Gelände langsam steiler wird. gleichmäßig schlappen wir Richtung Gipfel und wir haben Glück. Trotz der ausgiebigen Regenfälle der letzten Tage ging das Nass vom Himmel in dieser Höhenlage irgendwann doch in Schnee über. Immerhin 10 Zentimeter Neuschnee liegen auf einer eisharten Kruste, so dass der Aufstieg ganz gut funktioniert und auch der Gedanke an die Abfahrt nicht schon vorab Knie-Phantomschmerzen erzeugt.

Lässigkeit vortäuschen ist wichtig - am Kraterrand

Etwa nach der Hälfte des Weges packen wir die Harscheisen an unsere Tourenbindungen. Die Steilheit des Vulkankegels nimmt noch mal ein wenig zu und der Untergrund ist ziemlich eisig und abgeweht. Langsam aber stetig kommen wir voran. Die beste Gipfel-Markierung ist die permanente Rauchfahne, die der Villarrica unentwegt aus seinem Schlot ausstößt.

Los Akki - straight line und rein ins Loch!

Irgendwann stehen wir schließlich oben am Kraterrand und blicken ins Riesenloch. Unaufhörlich steigen Schwefeldämpfe auf und das Ganze brodelt wie ein überdimensionaler Wirsing-Eintopf auf Omas zu heißer Herdplatte. Trotz aller Faszination siegt unser Respekt vor der Urgewalt der Natur. Irgendwie ist einem doch etwas mulmig so Auge in Auge mit einem aktiven Vulkan. Mehrere Tausend Meter tief soll seine circa 100 Meter breite Krateröffnung in die Erde reichen. Wir blicken ziemlich entgeistert (d)rein.

„Vor Jahren sind mal ein paar Franzosen in den Krater gefallen“, erzählt Hans, und fügt noch hinzu: „Irgendwie sind die in einen Wetterumschwung geraten, wurden zugedröhnt von den Schwefeldämpfen und dann ist’s halt passiert!“

Auf Vulkan-Flanken lässt sich bestens riden

Wir reißen uns los vom Loch und genießen das Panorama. Was für ein Blick! Im Norden zeigen sich weitere Vulkankegel wie Llaima, Lonquimay oder Lanin und im Süden reicht der Blick bis zum Puyehuye, der ja bei seinem Ausbruch vor einigen Monaten schon Unmengen Asche über Südamerika verteilt hat und immer noch eine bedrohliche, graue Riesenrauchfahne Richtung Argentinien ausstößt.

„Auch der Villarrica gehört zu den aktivsten Vulkanen Südamerikas. Alle 16 bis 17 Jahre bricht er aus – und genauso lange ist er schon überfällig!“, gibt Hans zu bedenken.

Schnell erinnern wir uns wieder daran, warum wir hier oben sind. Aufsteigen um abzufahren. Fahnen wollen wir dabei natürlich auch ausstoßen – allerdings bestehen jene aus weißem, aufsteigenden Spray von Schneekristallen. Wir suchen uns einen weitläufigen, unberührten Hang im Südwesten des Vulkans. Und untracked ist in diesem Riesengelände sowieso fast alles.

Goldene Lines in der Abenddämmerung - wurde ja auch Zeit, dass wir auf nen Vulkan abfahren

Schnell weg und ab in die Abendsonne. Endlich wieder riden. Danach lassen wir den Mapuchi-Gott auf dem Villarrica auch in Ruhe. Großes Indianer-Ehrenwort! Vielleicht überlegt es sich der Vulkan dann noch mal mit seinem nächsten Ausbruch.

Feinstes Fleisch zur Belohnung

Die einzige Glut, die wir heute noch sehen, ist die des Barbecues in den Termas Geométricas. Erst gibt’s heißes Wasser im Naturpool, dann Lithium-Bubbles gegen Hautalterung und anschließend riesige Hüftsteaks gegen Energieverlust aller Art. Tausend Dank an den Thermen-Chef und Chef-Griller Matthias del Sol!

11 Gedanken zu “Schwefeldämpfe und Schneekristalle

  1. Ker…hörtma…gez‘ machtert aber spannend zum großen Finale…
    …bin schon ganz traurig, dass es bald „vorbei“ ist.
    Auch wenn sich meine Skikünste auf einen Schneepflug –immerhin mit Ansätzen eines Parallelschwungs- von vor mehr als 10 Jahren beschränken, hat Euer Blog dennoch großen Eindruck auf mich gemacht…und Wirkung hinterlassen: FERNWEH!
    Habt noch ein paar gute Tage und kommt gut Heim.
    judith.

  2. Super, das habt Ihr toll gemacht, Jungs. Weiter so.
    Wir verfolgen mit Begeisterung Eure Story.
    Ein herzliches “Husky-Heil” an unsere Musherin Inga. Liebe Grüße von der Mäm, dem Piet und der Heidelinde

  3. Wow….wunderschöne Bilder…..tolle, wahnsinnig lebendige Farben…..gute Infos und vor allem nicht zu vergessen, die phantastischen Rider, jeder für sich ein “Sahneschnittchen” ……Kann man sich als Zuschauer noch mehr wünschen??? Weiter so ……hmmmmm……

  4. Wir liegen mit euch im Bett! Und jetzt träumen wir noch vom Vulkan! Großartige Erlebnisse und super in Szene gesetzt! Wir sind jetzt ma am Strand und beömmeln uns schonma vor Glück wenn wir ans Nachtreffen nur denken!

  5. Sauber Jungs, geile Bilder, coole Lines und eine saubere Story. Die Erlebnisse nimmt euch keiner mehr.
    Grüße an das ganze Team – Walli

  6. Glückwunsch Jungs und Vulkanheil zum Villarrica. Sehr verlockende Bilder, Film und Geschichte. Das gefällt mir…. ihr gefallt mir….und der Hans gefällt mir!!!!

  7. Wieder geile Story, Hammer-Fotos und ein starker clip. Macht nach wie vor Spaß euch zu verfolgen.
    Viele Grüße aus dem Pott.

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